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Aus glaslosen Fenstern erblickt man in der Ferne das Meer

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Foto: GZlg Foto: GZlg

In der Präfektur Ätolien-Akarnanien, im Westen Griechenlands, befindet sich Paläa Plagia, ein zerstörtes, malerisches Dorf im Akarnanischen Gebirge. Vor fast 60 Jahren mussten die Einwohnerinnen und Einwohner ihre Heimat in den Bergen unfreiwillig verlassen. Ein Erdrutsch bedeutete das Ende des Ortes. Heute herrscht dort eine ganz eigentümliche Atmosphäre.

Plagia liegt auf dem Gipfel des Αgios-Georgios-Berges, der die Ionische Insel Lefkada über eine malerische Bergstraße mit Paleros verbindet. Um das sehenswürdige Kleinod mit seinem außergwöhnlichen Panorama in Augenschein zu nehmen, nimmt man von Paleros aus, vorbei am Nachbarort Pogonia, die Bergstraße ins Gebirge. Und um von Lefkada aus den Pass zu erreichen, biegt man einen Kilometer von der Zugbrücke entfernt auf dem Festland kurz nach der Burg rechts von der Hauptstraße ab. Auf dieser Route gelangt man sowohl zu dem nach dem Erdrutsch im Tal entstandenen Dorf Nea Plagia sowie zum ursprünglichen Bergdorf auf etwa 500 Meter Seehöhe.

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Zum Teil werden die Gebäude jetzt als Viehställe benutzt

Bildschöner Ort mit vielen Bäumen

Von Old Plagia (Paläa Plagia) aus sieht man die Halbinsel Lefkada und die schnurgerade Zufahrtsstraße, welche die Insel mit dem Festland verbindet, aus der Vogelperspektive. Die perfekte Aussicht und der malerische Anblick des verlassenen und zerstörten Dorfes machen die holprige Fahrt auf der teilweise schlechten Straße wett. Als blicke man aus dem Fenster eines Flugzeugs, sieht man von hier oben aus die bewirtschafteten Felder-Rechtecke im Tal, die hie und da verstreuten Bauernhöfe. Die Steinhäuser von Paläa Plagia sind zerstört, und ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie lebhaft es einst in diesem bildschönen Ort mit seinen vielen Eichen, Mandel-, Oliven- und Feigenbäumen zugegangen sein mag. Die Häuserruinen schmiegen sich an den steilen Berghang, die Dächer sind eingestürzt, die leeren Fenster sehen wie Tore zu der dahinterliegenden Landschaft aus. Bei manchen Gebäuden ist der Fensterstock – ein stabiler Balken aus Eichenholz – erhalten geblieben, bei den meisten stehen oftmals nur noch einige Außenmauern. Aus den Hauslücken wachsen Bäume, aus den glaslosen Fenstern erblickt man in der Ferne das Meer.

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Gruppenbild mit Mauern, Wolken, Büschen und Traktor

Die Kafenions sind immer gut besucht

1966 wurde Plagia innerhalb nur weniger Minuten von einem Erdrutsch zerstört, von dem die übers Dorf und querfeldein über den Hang verstreuten, teils riesigen Steinbrocken bis auf den heutigen Tag zeugen. Weil das Akarnanische Gebirge aus Gestein und aus Erdmassen besteht, sind Wasser- und Schlammströme während der saisonalen, starken Niederschläge etwas fast Alltägliches, doch trifft ein daraus resultierender Erdrutsch einen Ort selten so hart wie damals Plagia. Mit ihrem Hab und Gut und dem Vieh, das sie nach der Zerstörung ihres Bergdorfes aus den Trümmern retten konnten, machten sich die Menschen auf ins etwa drei Kilometer abwärts gelegene Tal. Die Regierung ließ damals auf die Schnelle zimmergroße Kastenbauten errichten, von denen viele mit hübschen Vorgärten versehen bis auf den heutigen Tag bewohnt sind. Um diese Bauten herum haben die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner von Old Plagia das heutige Dorf errichtet. Obwohl es im Gegensatz zum alten Ort mit seinen Steinhäusern eher unschön ist, weist es dennoch Atmosphäre und seinen eigenen Charakter auf. Die Kafenions sind immer gut besucht, in der Kirche werden Hochzeiten und Taufen gefeiert, und die Gemeinde ist unter Griechen der Umgebung für seine Taverne bekannt, in der üppige Fleischgerichte serviert werden.

Tiere halten im Kauen innen

Nach dem verheerenden Erdrutsch vor fast 60 Jahren musste das Leben für die von Landwirtschaft und Viehzucht lebenden einstigen Bewohnerinnen und Bewohner weitergehen. Paläa Plagia liegt in Ruinen, bei den meisten Bauten herrscht Einsturzgefahr, doch manche der Steinhäuser wurden im Verlauf der Jahre notdürftig mit Brettern an den Türen und Blechdächern hergerichtet, und dienen nun als Viehställe. Ich bin immer wieder aufs Neue von der Stimmung eingenommen, die von den zerstörten Häusern in der naturbelassenen Landschaft ausgeht. Auf der schmalen Bergstraße dösen Hunde und Katzen vor sich hin, ohne sich dabei groß von Durchfahrenden stören zu lassen. Ziegen, Kühe und Schafe halten beim Kauen inne und starren uns an. Von den Ruinen, von den Bäumen und Büschen, die inmitten der Trümmer hervorwachsen, vom Duft der Mandelblüten im Frühling und auch vom Geruch der Ziegen und Schafe geht etwas Poetisches aus, eine Schönheit, eine Melancholie. Währenddessen geht das Leben weiter, in Nea Plagia, unten im Tal.

Text und Fotos: Linda Graf

Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 884 am 2. August 2023.

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