Zu einer der archäologischen Hauptattraktionen Griechenlands indes hat sich das antike Messene gemausert. Unsere Autorin kennt diese unglaublich facettenreiche Region im Westen der Peloponnes schon seit Jahrzehnten – sowohl im Rahmen archälogischer Exkursionen als auch als private Besucherin.
Das erste Mal kam ich nach Messenien auf einer Studienreise, einer Gemeinschaftsexkursion von Archäologen, Althistorikern und Altphilologen. Die Ausgrabungen der spätklassisch-hellenistischen Stadt Messene, damals noch kaum begonnen, und des bronzezeitlichen „Nestor-Palastes“, ebenfalls erst unvollständig, waren die südlichsten Stationen unserer Exkursionen über das griechische Festland. Heute ist die Geschichte Messeniens erforscht und präsentiert sich den Reisenden in reicher Vielfalt und Anschaulichkeit und so grün wie selten eine griechische Landschaft.
Theater auf dem archäologischen Areal des antiken Messene
Tafeloliven mit Namen „Kalamon“
Messenien (griechisch Messinía) umfasst den westlichen der drei „Finger“ der Südpeloponnes. In der Küstensenke zum mittleren „Finger“ hin liegt die Präfekturhauptstadt Kalamata. Die messenische Halbinsel erstreckt sich längs der südöstlichen Küste des Ionischen Meeres. Sie ragt mit einer Doppelspitze, markiert durch die venezianischen Burgsiedlungen Methoni und Koroni in das offene Mittelmeer hinein, das südwestlich von Methoni in genau 58 Kilometern Entfernung seine tiefste Stelle erreicht: mit rund 5.200 Metern bis zum Grund. Dort, am sogenannten „Calypsotief“, finden ständig internationale und griechische ozeanographische und meeresbiologische Forschungen statt. Zum zweiten Mal kam ich nach Messenien während meines ersten Winters in Griechenland. Aus sonnigen Orangenhainen leuchteten goldene Früchte, ein Anblick, der mich entzückte, und ich wünschte spontan, einmal eine von ihnen frisch vom Baum zu kosten. Mein Mann stieg aus dem Auto, griff über einen Zaun und pflückte mir eine der Goldorangen ab, ein wohl verzeihlicher Mundraub … Inzwischen ist mir der winterliche Anblick von leuchtend im Baum prangenden Zitrusfrüchten Gewohnheit, er ruft Freude, aber kein Staunen mehr hervor. Orangenplantagen sind jedoch in Messenien gar nicht so häufig wie anderswo auf der Peloponnes. Weitaus reichlicher gibt es Olivenhaine, und die erschienen mir noch auf meiner vierten Reise durch Messenien als immer neues Wunder. Soweit das Auge reicht, nach jeder Kurve, jedem Dorf breitet sich schier unendlich bis zum Horizont, wo dann das Meer oder pinienbewehrte Höhen die Grenze setzen, das silbrige Grün der Ölbäume aus. Hier, westlich Kalamatas, werden vor allem die hervorragenden Tafeloliven geerntet, die unter dem Namen „Kalamon“ eine Weltmarke bezeichnen …
Eine Region weckt Begehrlichkeiten
Die Fruchtbarkeit dieses Landstriches war auch in der Antike Lebensgrundlage der Menschen, die ihn besiedelten, und wie die mykenischen Relikte verraten, auch schon in der Vorgeschichte: Korn und Öl füllte im sogenannten „Nestor-Palast“ große Vorratskrüge in Magazinen, über deren inhaltliche Bestände in der im 20. Jahrhundert wissenschaftlich entzifferten „Linear-B-Schrift“ auf hunderten von Tontäfelchen genaue Listen angelegt waren. Aber solch ausgedehntes, fruchtbares Land weckt Begehrlichkeiten: Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. besetzten die Spartaner während zahlreicher, stets für sie erfolgreicher Angriffe die Ebenen der messenischen Halbinsel und zwangen die Einheimischen zur Sklavenarbeit – bis die Thebaner unter ihrem genialen Heerführer Epaminondas 371 v. Chr. in der Schlacht von Leuktra (griech. Lefktra, Böotien) die spartanische Vorherrschaft brechen konnten. Erst dann erblühte, gegründet von Epaminondas persönlich, die Hauptstadt des antiken Messene auf. Als erstes errichtete man eine grandiose Befestigungsanlage von neun Kilometern Umfang, und bis in die hellenistische Epoche hinein entstanden stattliche Bauten, wie u. a. ein Asklepios-Heiligtum mit mehreren Hallen für den Heilschlaf, religiöse Zeremonien und Versammlungen, ein Ringhallentempel des Asklepios und der Hygieia, ein Bouleuterion (Ratsgebäude) und, wie es sich für einen antiken Haupt- und Kurort ziemte, auch Theater und Stadion mit Gymnasium und Palästra. Die sehenswerten antiken Relikte sind leicht zu erkunden und verteilen sich übersichtlich in einem weitläufigen Wiesengrund, der im Frühjahr von Blumen übersät ist.
Zwischen Taverne und Archäologie
Über dem archäologischen Gelände erhebt sich der Berg Ithome, einst die befestigte Akropolis, die einen Tempel des Zeus barg, der als Wettermacher und Regenbringer oft auf Höhen über fruchtbaren Gebieten verehrt wurde. Wer den Aufstieg nicht scheut, wird mit einem verlassenen mittelalterlichen Kloster und einem Teilüberblick über die antike Stadtbefestigung belohnt. Deren imponierendste Stelle bildet das „Arkadische Tor“ mit mächtigen Mauerquadern und steinernen Balken am Ortsausgang des Dorfes Mavromati. Dort führt wie dereinst eine Straße hindurch, heute mit Asphalt, in der Antike vermutlich mit behauenen Steinen belegt. Die Häuser von Mavromati liegen mitten im antiken Stadtbereich. Von der zünftigen Holzterrasse der Taverne „Ithomi“, die leckere örtliche Gerichte anbietet, blickt man direkt auf das archäologische Gelände. Der Name Mavromati bedeutet „Schwarzes Auge“ und bezieht sich auf eine Quelle, die seit antiken Tagen mit starkem Strahl aus einem geheimnisvoll dunklen Loch in ein hoch ummauertes Becken strömt.
Die Quelle des Ortes Mavromati
DIe Schlacht von Navarino
Liegt das klassisch-hellenistische Messene im Landesinnern, so siedelten die Menschen der Bronzezeit offenbar eher in den Hügeln über der Küste, wie die mykenischen Kuppelgräber von Peristeria, unweit von Kyparissia am nördlichen Ansatz der messenischen Halbinsel, sowie die Ausgrabungen des „Nestor-Palastes“ im Süden zeigen, in dessen Nähe ein weiteres (rekonstruiertes) Kuppelgrab steht. Man erreicht den Nestor-Palast am schnellsten von Pylos her, das die Venezianer „Navarino“ nannten. Das in seiner Umgebung mit schönen Stränden aufwartende reizvolle Küstenstädtchen reicht mit seinen weißen Häusern bis hinaus auf eine Mole, von der man unmittelbar auf die lang gezogene vorgelagerte Insel „Sfaktería“ blickt. Auf der weiten, von Cafés gesäumten Platia erinnert ein Denkmal an die „Schlacht von Navarino“ 1827, die im griechischen Befreiungskampf eine maßgebliche Rolle spielte. Damals kam ein Verband aus russischen, britischen und französischen Schiffen den bedrängten Griechen gegen eine Entente aus Türken und Ägyptern zu Hilfe, deren Flotte in der Enge zwischen Pylos und Sfakería vernichtend geschlagen wurde. Es heißt, dass man von Ausflugsbooten aus noch Wrackteile der versenkten Türkenschiffe sehen kann – doch ich habe das nicht ausprobiert. Eine ständige Ausstellung im „Neo Kastro“ über Pylos, einer türkischen Festung vom Ende des 16. Jahrhunderts, dokumentiert den Verlauf der Schlacht.
Das Asklepiosheiligtum in Messene
Antikes aus der „Vogelschau“
Als wir – es war auf unserem vorerst letzten Messenienausflug – von Pylos auf die Höhe hinauffuhren, tauchte für uns völlig überraschend linkerhand über den Wipfeln des Pinienwaldes ein anachronistisch anmutendes modernes Gebilde auf, so plötzlich inmitten der reinen Natur, dass es uns erschreckte: der Schutzpavillon über den empfindlichen Lehmfundamenten des „Nestor-Palastes“ aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. Unsere spontane Ablehnung des modernen Gebäudes in der unberührten Landschaft erwies sich schnell als Fehlurteil, denn bei der Konstruktion handelt es sich um ein durchdachtes architektonisches System, das den Schutz der archäologischen Anlage mit einer optimalen Präsentation für ihre Besucher verbindet. Eine umlaufende Plattform, leicht erreichbar auch für Gehbehinderte, führt hoch über die Ausgrabungen hinweg. Sie erlaubt den perfekten Überblick aus der „Vogelschau“ und gewährt zugleich eine beeindruckende Aussicht zurück auf die Küste von Pylos und die Meeresenge vor der Insel Sfakería.
Auf der Platia von Pylos
Der Palast des Nestor
Wie ein gebauter „Plan“ breiten sich von hier aus direkt unter uns die nur wenige Dezimeter hoch stehenden Fundamente des Palastes aus: Im Zentrum das „Megaron“, ein Thronsaal nach zwei Vorräumen, mit den für einen mykenischen Palast üblichen vier Basen der Säulen, die einst den Baldachin über dem Herdfeuer trugen; rundherum kleinere Räume, zum Teil für das Wohnen oder vielleicht auch für rituelle Zwecke bestimmt, darunter ein Bad mit Wanne, sowie am äußeren Rand eine durch überdimensionale Vorratsgefäße („Pithoi“) als Serie von Magazinen definierte Raumfolge … Wie an herabgestürzten Elementen erkennbar wurde, war der Palast ursprünglich mindestens zweigeschossig. Die zahllosen Tontäfelchen beweisen, dass er nicht nur als Wohnsitz diente, sondern auch Wirtschafts- und Verwaltungsfunktionen hatte. In Ermangelung eines nachgewiesenen Herrschernamens hat man den Palast nach dem homerischen König Nestor benannt, der von Messenien aus in den Trojanischen Krieg aufgebrochen sein soll. In einem kleinen Ausstellungsraum im modernen Eingangsgebäude kann man sich über die Linear-B-Schrift informieren, die auf frühen griechischen Sprachrudimenten basiert. In dem nahe gelegenen Dorf Chora präsentiert ein dicht gefülltes Museum die bedeutenden Funde aus allen mykenischen Ausgrabungen im Umland. Die reichhaltige Sammlung ist ein weiterer Beweis dafür, wie sinnvoll die heutige Praxis ist, archäologische Artefakte in der Nähe ihrer Fundorte auszustellen, statt sie wie früher ins Athener Nationalmuseum zu überführen.
Romantischster Punkt Messeniens
Die letzte Station jeder Messenienreise dürfte wohl die südliche Landspitze sein, das Kap Methoni, mit dem der westliche „Finger“ der Peloponnes ins Meer sticht, das hier bei jedem meiner Besuche wild schäumend ans Ufer schlug. Das Städtchen Methoni, dessen aufgeräumte Wohnstraßen wir auf dem Weg zur dominanten venezianischen Festung durchquerten, bereitet sich immer zur Frühlingszeit auf die touristische Saison vor: Überall wird dann gehämmert und gemauert. Handwerker bei einem schönen ehemaligen Schulgebäude, das gerade liebevoll restauriert wurde, riefen uns bei unserem Spaziergang ein Willkommen zu … Mit einer ausgedehnten Festungsanlage versuchten die Venezianer, die messenische Halbinsel, die sie als Teil ihrer Republik betrachteten, zur offenen See hin zu sichern. Das gelang nicht immer: In der Zeit von 1500 bis 1686 und wieder nach 1715 nahmen die Türken das Gebiet in Besitz. Das venezianische Herrschaftszeichen, den geflügelten Markuslöwen, findet man auf mehreren Mauerreliefs der Burg. Eindrucksvoll ist schon die vielbogige Brücke über den breiten Graben, dem nach dem ersten Tor eine lange Strecke zwischen hohen, turmbewehrten Mauern folgt. Nach dem Ausgangstor dann führt offenes Gelände bis zur Spitze des Kaps, das einen malerischen vom Meer umtosten Wachturm aus türkischer Zeit trägt. Eigentlich erhebt sich die oktogonale, zweistöckige Turmfestung auf einer kleinen Insel, die durch eine flache Brücke, kaum breiter als ein Steg, mit dem Festland verbunden ist. Es ist wohl der romantischste Punkt in ganz Messenien, der einlädt zu Entspannung und Besinnlichkeit ...
Die Brücke zur Festung von Methoni
Text und Fotos von Ursula Spindler-Niros
Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 924 am 29. Mai 2024.