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Unterschiedliche Termine für das Osterfest: Eine Verwirrung

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Unterschiedliche Termine für das Osterfest: Eine Verwirrung

Die orthodoxe Kirche bringt mich immer wieder durcheinander. Oder besser gesagt: Sie regt zum Nachdenken und Nach-forschen an. Zum Beispiel nach der Methode, wie der Ostertermin errechnet wird. Bis vor kurzem dachte ich, diese Prüfung wäre bereits überstanden. Aber dem war nicht so!

Das bevorstehende Osterfest hat wie alle seit 1688 Jahren eben etwas mit Astronomie zu tun, weil man es immer am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond bzw. der Tag- und Nachtgleiche oder latinodeutsch dem „Frühlingsäquinoktium“ feiert. Diese Entscheidung haben die Bischöfe im Jahre 325 n. Chr. beim Konzil von Nizäa getroffen. Aber nicht nur das: Auch beschloss man damals, dass Geistliche nicht mit einer Frau zusammenleben dürfen – Mutter, Tante oder Schwester ausgenommen – und dass auch Eunuchen Priester werden können, wenn sie keine Selbstkastration vorgenommen haben. Aber das hat nichts mit den Sternen zu tun. Zurück zum Ostertermin. Um dieses Fest rankt sich alles, alles hängt von ihm ab. Nicht nur der Beginn der Faschingszeit oder Pfingsten, auch Namenstage richten sich nach ihm. Zwei Beispiele für „flexible“: Theodoros wird immer 43 vor und Thomas immer sieben Tage nach dem Ostersonntag gefeiert. Auf der anderen Seite hängt eben Ostern auch von der Astronomie ab, vom Vollmond also und vom Frühlingsbeginn. Dieser wird nach der Lage der Sonne zur Erde gemessen und beginnt, wenn die scheinbare geozentrische Länge der Sonne 0° beträgt. Das ist der so genannte Primaräquinoktium - der Zeitpunkt der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche und er fällt bis auf wenige Sekunden mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem die Sonne den Himmelsäquator von Süden nach Norden überschreitet. Was dahinter steckt, dass es beim höchsten kirchlichen Fest der Christen zwischen der West- und Ostkirche immer wieder Datumsdifferenzen gibt, war nicht schwer herauszufinden. Weil die Orthodoxie auch nach der Kalenderreform von 1582 der Berechnung weiterhin den alten Julianischen Kalender zugrunde legt, driften die Termine oft auseinander. So wie in diesem Jahr, wo der Unterschied lediglich eine Wochen beträgt: Der Frühlingsvollmond fiel auf den 4. April (gestern), konsequenterweise wird im Westen am Sonntag darauf, dem 5. April (heute), Ostern gefeiert.

Für die Orthodoxen ist jedoch 2015 nach dem Julianischen Kalender der 3. April Frühlingsbeginn. Der nächste Vollmond folgt am 4. April, also fällt Ostern auf den 5. April. Wie ein Blick auf den Kalender aber zeigt wird in Griechenland 2015, der 12. April als Ostersonntag geführt. Warum denn das? „Durch fragen gelangt man bis zur Stadt“ („rotondas pas stin Poli!), heißt ein griechisches Sprichwort und mit „Stadt“ („Poli“) war bzw. ist Konstantinopel gemeint. Das Pendant quasi zu „Alle Wege führen nach Rom“. Ich fragte also einen griechischen Arbeitskollegen zum Fünften-Mai-Rätsel. „Ich habe keine Ahnung!“ war die Antwort. „Dein Onkel vielleicht, der pensionierte Hobby-Historiker?“ – „Sicher nicht, denn mit kirchlichen Dingen beschäftigt er sich kaum.“ Auch weitere Attentate auf Freunde, Verwandte und Bekannte brachten mich nicht zum Ziel. Bei allen gab es nur Schulterzucken. Fast schon hätte ich zum Hörer gegriffen und das Pressebüro von Erzbischof Hieronymos in Athen angerufen, oder gar das Patriarchat von Konstantinopel. „Das kann doch nicht sein!“, sagte ich mir dann, und recherchierte erst einmal auf eigene Faust weiter ... und schließlich wurde ich doch fündig. Schuld an meinem Schlamassel war ein Herr Meton aus Athen, der schon Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. herausfand, dass die Mondphasen alle 19 Jahre auf das gleiche Datum fallen. Diesen Meton-Zyklus, der wegen eines winzigen Fehlers aber nicht mehr mit den astronomischen Tatsachen von heute übereinstimmt, nehmen nun die Orthodoxen als Grundlage für ihre Frühlingsmondberechnungen. Ergebnis: Sie „erblicken“ heuer erst am 11. April 2015 den ersten Frühlingsvollmond. Logischerweise ist somit Ostersonntag der 12. April. Damit Sie jetzt nicht jedes Jahr nachrechnen müssen, auf welche Daten die West- und Ost-Ostern in der nahen Zukunft fallen – hier eine kleine Auflistung für die nächsten zehn Jahre. So können Sie auch Ihren eventuellen Frühlingsurlaub in Hellas längerfristiger planen. Ganz ohne Meton.
Ostertermine in den kommenden Jahren:
Orthodoxes Ostern            Westliches Ostern
2016: 1. Mai                           27. März
2017: 16. April                        16. April
2018: 8. April                            1. April
2019: 28. April                        21. April
2020: 19. April                        12. April
2021: 2. Mai                             4. April
2022: 24. April                        17. April
2023: 16. April                          9. April

Text: Robert Stadler, Foto: © GZ/jh

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